Was steckt in der Dethleffs-Zukunftsstudie in Halle 6?
Die Dethleffs-Studie in Halle 6 ist ein Future-Konzept, das an drei Stellen bewusst mit 60 bis 70 Jahren Aufbautechnologie bricht: Aufbau, Autarkie und Innenraum. Olli von Dethleffs hat mir alle drei Punkte erklärt – und ich war danach ehrlich geflasht.
Was ist der Nekto-Aufbau?
Nekto ist eine extrem leichte, robuste Trägerschicht, die ursprünglich aus der Solarindustrie kommt und dort als Tragschicht für Solarmodule patentiert wurde. Sie ist leicht, isoliert trotzdem und lässt sich anders formen als klassische Wandaufbauten. Damit sind Sicken und eingelassene Flächen möglich – der Aufbau geht optisch deutlich Richtung Automotive: wenig Aufgesetztes, keine sichtbaren Griffe, keine vorstehenden Dichtungen. Olli sagt es selbst: Man weiß nicht, was am Ende dabei rauskommt. Aber wenn man nicht anfängt, weiß man auch nie, ob es etwas Besseres gibt.
Wie autark ist das Fahrzeug?
Die Studie liefert eingefahren rund 500 Watt Solarleistung, ausgefahren rund 600 Watt – die „Solarblume“, also die als Markise nutzbare Solarfläche, bringt etwa 100 Watt zusätzlich. Dazu kommen rund 400 Amperestunden Lithium, ein 3000-Watt-Wechselrichter mit nur etwa 8 Kilo statt der klassischen 20 Kilo und ein doppelter MPPT-Laderegler. Der zweite Regler ist kein Spielkram: Wenn du im Schatten stehst und ein Faltmodul anschließt, hebt sich sonst im schlimmsten Fall die Spannung gegenseitig auf – du hast 700 Watt angeschlossen und bekommst nur 300 rein.
Beim Wasser wird es richtig spannend. Eine Aufbereitungsanlage macht aus Grauwasser Reinstwasser. Der Grund für Reinstwasser: Sollte doch mal eine Verkeimung reinkommen, findet sie keinen Nährboden – das Wasser bleibt deutlich länger frisch. Ein normales Fahrzeug hat rund 120 Liter Frisch- und 100 Liter Abwasser; die Anlage schafft ungefähr den Faktor 10. Mit 2.500 bis 3.000 Litern bist du also eine gute Saison unterwegs. Danach lässt nur der Durchfluss nach, das Wasser bleibt trotzdem rein. Die Toilette kommt ohne Kassette aus, du musst also nicht ständig aufs Kassettenvolumen schielen.
Was kann das Rollsofa im Innenraum?
Das Rollsofa ist eine Sitzbank, die du im Wohnraum frei nach vorne oder hinten schieben kannst – aus der klassischen Vierer-Sitzgruppe wird so ein Big Sofa. Der Tisch ist freitragend über einen Arm in der Wand, und wenn Besuch kommt oder du losfahren musst, ziehst du die Bank einfach wieder zurück. Dazu eine in die Wand eingelassene Verdunklung im Wohnraumstoff und ein Ultrakurzdistanz-Beamer – Fernsehabend im Wohnmobil, ohne dass irgendwas im Weg steht.
Was mir sofort aufgefallen ist: die Akustik. Kein lautes Klappern, sondern angenehm gedämpft. Statt Filz haben sie Stoff an Wand und Dachschränken verarbeitet, das nimmt Schall auf und gibt dem Fahrzeug spürbar Wärme. Und das alles bei nur 2 Metern reiner Raumbreite. Durch die eingelassene Verdunklung gewinnen sie rund 8 Zentimeter zurück, denn eine übliche Fensterverkleidung baut mit rund 40 bis 45 Millimetern pro Seite auf. Ergebnis: Durchgang und Blickachse wirken großzügiger als in manchem 2,18-Meter-Fahrzeug.
Die Küche ist aus Mineralwerkstoff aus der Küchenindustrie, die Induktionskocher sitzen flächenbündig darunter. Dethleffs hat auf der Messe schon 45 Minuten am Stück darauf gekocht, ohne dass etwas passiert ist – gebraten haben sie bewusst noch nicht.